Unsere Berge

Tukuche Peak Expedition 2008

Chronologischer Expeditionsbericht    
von Ingo Röger
   

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27.10.

Ruhe- und Packtag. Ich rauche mit Peter ein Zigarette von den Vorräten, die Uwe eigentlich für die Träger gekauft hatte: ein fürchterliches Kraut! Spät am Abend kommen unsere sehnlich erwarteten Träger von Marpha herauf. Aber es sind viel zu wenige. Statt er­forderlicher 15 Träger konnte Niru nur sieben anheuern. Derzeit sind ungewöhnlich viele Touristen im Land, so dass überall Trägermangel herrscht. Einer der sieben muss mit Höhen­kopfschmerzen umgehend wieder absteigen. Wie soll mit so wenigen Leuten unser gesamtes Gepäck ins Tal gebracht werden? Wir wissen es nicht.

 

28.10.

Unser letzter Morgen im Basislager. Um 6 Uhr ist Wecken angesagt. Frühstück eine dreiviertel Stunde später in der morgendlichen Kälte. Abbau des Lagers. Unsere sechs Träger und drei Begleiter können unmöglich das ganze Gepäck tragen. Also bleiben die Basislager-Zelte, Tisch und Stühle, zwei unserer Tonnen (u.a. Hardware und Fertignahrung) und einiges mehr vorerst hier zurück. P. D. und einige der Träger wollen anschließend ein zweites Mal ins Basislager aufsteigen und die verbliebenen Sachen noch holen. Die Träger haben trotzdem noch extrem schwer zu tragen. Sie kommen nur sehr langsam voran (für uns ist es unbegreif­lich, wie man die schweren Lasten überhaupt über solche Strecken in dieser Höhe tragen kann). Zwei von ihnen bekommen Höhenkopfschmerzen. Wir kommen hinter dem Dhampus Pass an den Camps des DAV Summit Club und einer französischen Trekking­gruppe vorbei. Bei der Gruppe des DAV Summit Club ist in der Nacht ein Träger gestorben. Vermutlich war es keine Höhenkrankheit, sondern ebenso wie bei unserem Küchenhelfer eine aggressive Infektion!

Uwe und mir ist der Weg bereits bekannt. Ich bilde mit Stefan das Schlusslicht. Ewig zieht sich auch noch beim zweiten Mal der Weg über die flachen Hänge dahin. Noch lange schaut die Hongde Südpyramide hinter dem Dhampus Pass heraus. Wir genießen trotz der Latscherei den Blick auf die Tukuche Peak Ostwand, die Annapurna I, auf Tilicho Peak und die drei Gipfel der Nilgiri-Gruppe. Am Beginn des Steilabstiegs werden wir von Sturmböen empfangen. Stürmische Winde wehen heute Nachmittag durch das Kali Gandhaki talaufwärts. In Yak Kharka treffen wir auf einen Großteil der DAV Summit Club Gruppe. Nur deren Gipfelstürmer vom Dhampus Peak sind noch unterwegs. Da unser Gepäck noch weit hinter uns unterwegs ist (inklusive Zelte und Küche), werden wir in der Zwischenzeit im Mann­schaftszelt des DAV Summit Club freundlich aufgenommen und bewirtet. Unsere Trä­ger kommen etwa zwei Stunden später im Lager an. Trotz der fortgeschrittenen Stunde ist es hier ungewohnt mild – wir merken, dass wir uns fast eintausend Meter tiefer befinden als im eisigen Basislager oben im Hidden Valley. Beim Aufbau des Küchen- und Aufent­halts­zeltes helfen wir tatkräftig mit, was bei dem Sturm eine ordentliche Herausforderung darstellt. Jana und ich beschließen, die Nacht ohne Zelt zu verbringen. Hinter einer hüfthohen Stein­mauer ist es dafür ausreichend windgeschützt. Wir bauen unser Zelt aber dennoch direkt daneben auf. Sollte es heute Nacht draußen zu kalt werden, können wir uns immer noch dort hinein flüch­ten. Zum Abendessen finden wir uns gemeinsam mit den Trägern und der Begleit­mann­schaft alle im einzig verbliebenen Gemeinschaftszelt ein. Es ist ausgesprochen gemüt­lich, niemand vermisst Tisch und Stühle. In Windeseile ist Suppe gekocht und sind Krabben­chips gemacht. Wir verzichten auf ein umfangreiches mehrgängiges Mahl, um die vom anstren­genden Tag erschöpfte Küchenmannschaft zu entlasten. Beim Einschlafen genießen Jana und ich den einzigartigen Sternenhimmel über unser. Wir beobachten herrliche Stern­schnuppen.

 

29.10.

Um 7 Uhr werden wir mit heißem Tee geweckt. Aufgrund der ostseitigen Lage ist es bereits sonnig und halbwegs warm. Das Frühstück nehmen wir wieder im Freien ein. Wir bauen ohne Hektik unser Lager ab und starten als letzte Gruppe zu unserer finalen Etappe tal­wärts. Wieder beobachten wir unzählige Greifvögel über uns. Zunächst geht es flach bergab. Gegen 11:30 Uhr machen wir eine längere Pause bei einigen Almgebäuden. Danach wird der Weg steil. Unsere schweren Rucksäcke schieben uns hinab. Um 14:30 Uhr erreichen wir Marpha. Marpha ist ein schönes Dorf, buddhistisch-tibetisch geprägt. Hier begegnen wir vielen Trekkern und Touristen, die von der Annapurna-Runde herunterkommen. Unterkunft im einfachen, aber ordentlichen Hotel „Chez Nisa“ im Zentrum des Ortes. Wir essen dort Mittag und machen dann einen Ortsrundgang; Einkaufsbummel mit Souvenirkauf. Ich kaufe mir eine schöne, fleece-gefütterte Strickmütze und ein geschnitztes buddhistisches Gebets­brettchen. Abends erleben wir ein tolles Festessen mit Bier und Apfel­brandy (Marpha gilt als die „Apfelhauptstadt“ Nepals). Wir verteilen Geschenke und Trinkgeld an die Träger und unsere Begleiter. P. D. wird morgen mit den Trägern wieder zurück ins Basislager aufbrechen, um die fehlenden Gepäckstücke herunterzutragen.

 

30.10.

Wir verbringen unsere erste Nacht in einer festen Unterkunft nach 29 Tagen im Zelt oder unter freiem Himmel. Um 7 Uhr bekommen wir den letzten „Wake-up tea“ dieser Reise. Nach dem Frühstück und dem Packen erfahren wir von Deepak, dass wir nochmal 5000 Rupien aufbringen müssen, da unser Gepäck, anders als ursprünglich geplant, per Traktor nach Jomsom transportiert werden muss. Die erneute Geldforderung senkt die Stimmung (In Kathmandu bekommen wir allerdings die Auslagen ohne Diskussion von Niru zurück). Jana versucht eine am Abend vorher ausgewählte Jacke, die ihr sehr gut gefällt, zu kaufen, aber der Laden bleibt heute Vormittag geschlossen. Wir besichtigen das buddhistische Kloster des Or­tes, wo noch 14 Mönche leben, die gerade damit beschäftigt sind, die Tempel zu reno­vieren. Anschließend besichtigen wir die in den Fels gebaute Stupa oberhalb des Ortes und genießen den Blick über die Dächer von Marpha. Nach einem letzten Apfelsaft starten wir zu Fuß (6 km) Richtung Jomsom. Deepak berichtet vor unserem Aufbruch noch einmal von Trans­portproblemen. Wir sind gespannt, ob unser Gepäck bis heute Abend in Jomsom an­kom­men wird. Ein ehemaliger Lehrer folgt uns ein Stück des Weges bis zur Ortsgrenze von Marpha. Er schenkt uns eine Tüte Äpfel. Er erzählt von deutschen Freunden. Auf seine Nachfrage geben wir ihm drei unserer Schirme, die nun nicht mehr von uns gebraucht werden. Es ist jetzt am frühen Nachmittag staubig und windig. Nach anderthalb Kilometern holt uns ein Traktor ein, auf dessen Anhänger unser Gepäck transportiert wird. Wir werden gefragt, ob wir die ver­bleibende Strecke auf der Ladefläche zwischen unseren Gepäckstücken mitfahren wollen. Wir müssen nicht lange überlegen und willigen ein. Der Fahrer des Traktor rast mit uns im Schlepptau über die Schotterpiste. Wir müssen aufpassen, dass wir bei größeren Steinen oder Schlaglöchern nicht vom Hänger gewippt werden oder uns den Steiß brechen. Große Auf­merksamkeit müssen wir auch den tief hängenden Stromleitungen widmen. Nach einer knap­pen halben Stunde erreichen wir am Ortseingang von Jomsom das Hotel „Tilicho“. Es ist früher Nachmittag. Wir essen Mittag und beziehen unsere Zimmer. Das Hotel steht unmittel­bar an der Startbahn des Flughafens. Wir verabschieden uns von unseren Begleitern. Sie wol­len auf dem Landweg zurückreisen. Wir werden sie mit etwas Glück noch in Kathmandu wiedersehen.

Im Vergleich zu Marpha ist Jomsom ein wenig attraktiver Ort. Nachmittags gehe ich ins benachbarte Internet-Cafe und schicke ein erstes Lebenszeichen nach Hause (Mein gestriger Versuch, zu Hause anzurufen, war nur bedingt erfolgreich – zu schlecht war die Verbindung). Ich mache einen Ortsrundgang. Ich treffe Jana in einem Geschäft. Zusammen begegnen wir dann den anderen in einem Cafe. Unsere Flugtickets für den Kurzstreckenflug nach Pokhara sollen wir erst morgen früh kurz vor dem Start erhalten. Wir sind gespannt. Das Abendessen im Hotel ist noch einmal sehr gut. Der Schnupfen und meine Rippenschmerzen wollen auch hier unten nicht recht weichen.

 

31.10.

Frühstück um 7 Uhr. Die ersten Flugzeuge treffen aus Pokhara ein. Die Flugzeuge pendeln den ganzen Vormittag im Stundentakt. Wir bringen unser Gepäck zum einhundert Meter entfernten Flughafengebäude. Dort treffen wir einen allein reisenden Trekker aus Bautzen. Smalltalk. Um 9:25 Uhr erhalten wir endlich unsere Tickets und checken ein. In einer Stunde werden wir in der Luft sein. Für das Übergepäck müssen wir extra zahlen. Die Gaskartuschen dürfen nicht transportiert werden und müssen zurückgelassen werden. Auch ein Teil des Übergepäcks passt aufgrund der Gewichtsbegrenzung nicht mit ins Flugzeug. Es soll morgen mit dem ersten Flug nachgesandt werden. Pünktlich um 10:25 Uhr sitzen wir zusammen mit acht anderen Fluggästen, den beiden Piloten und einer Stewardess im start­bereiten Flugzeug. Die Flugdauer beträgt gerade einmal 15 Minuten bei einer Distanz von einhundert Kilometer. Der Flug wird ein einmaliges Erlebnis. Zunächst geht es zwischen den Steilflanken von Annapurna- und Dhaulagirigruppe im Kali Gandhaki entlang. Die rechts sitzenden haben Tiefblick auf Marpha. Weit über uns ragen die Schnee- und Eisriesen empor. Es geht sehr dicht über Dörfer, Pässe, terrassierte Steilhänge und tiefe Schluchten hinweg. In Pokhara empfängt uns Sommer­wetter. Wir werden mit einem Kleinbus abgeholt und in ein Hotel am Phewa-See gebracht. Nachdem wir unsere Zimmer bezogen haben und endlich wieder duschen können, suchen einige von uns einen Friseur und Barbier auf, der uns geschickt gleich noch eine zweifellos angenehme, aber nicht ganz billige Massage verabreicht.

Wir essen in einem der unzähligen Restaurants zu Mittag. Am späten Nachmittag machen wir einen Stadtrundgang entlang des Seeufers. Souvenirkäufe. Zwischen den Häusern ragt der heilige Berg Machupuchare in den Abendhimmel und erstrahlt beeindruckend im Abendrot. Am Abend gehen wir Koreanisch essen. Es ist unglaublich scharf, aber dennoch sehr delikat.

 

1.11.

Heute Morgen sollten wir eigentlich mit einem Linienbus nach Kathmandu fahren. Da wir aber noch auf Gepäck aus Jomsom warten, muss umdisponiert werden. Der Hotelchef kümmert sich zuverlässig um die Anlieferung unseres fehlenden Gepäcks. Wir starten am Vormittag mit einem Kleinbus nach Kathmandu. Vorher genießen wir noch einmal vom Dach unseres Hotels den Blick bei wolkenlosem Wetter auf die Annapurna-Kette. Der Busfahrer aus Pokhara war noch nie in Kathmandu. Der chaotische Verkehr in der Hauptstadt ist für ihn ungewohnt, aber wir erreichen wohlbehalten das Hotel „Harati“. Dort treffen wir auf Ganesh. Wir beziehen unsere Zimmer. Jana und ich bekommen eine große Suite im vierten Stock mit Blick auf den Tempelberg von Svoyambu Nath. Am Abend sind wir bei Niru zum „Farewell Dinner“ eingeladen. Auch Ganesh ist anwesend. Wieder einmal wird mehr aufgetischt, als wir beim besten Willen essen können.

 

2.11.

Unser letzter Tag in Nepal. Wir verbringen den Vormittag mit Packen. Nach einem anfänglichen Disput packen wir alles in 20 Kilogramm-Gepäckstücke. Wir erfahren, dass Stefan und ich noch einmal ins Tourismus-Ministerium fahren müssen. Niru hat eine Kaution für unsere Expedition hinterlegt. Um diese wiederzubekommen, müssen wir umfangreiche Frage­bögen zum Verlauf unserer Expedition ausfüllen. Vorher ist wieder einmal nerviges Warten im Ministerium angesagt. In den Formularen sind auch Fragen nach der An­wesenheit unserer Begleitoffiziere im Basislager zu beantworten. An dieser Stelle tragen unsere beiden zuständigen Begleitoffiziere dreist erfundene Daten ein. In Wirklichkeit waren sie nie bei uns im Lager. Als wir das Ministerium verlassen, bekommen wir mit, wie unser männ­licher Begleitoffizier versucht, Niru zu erpressen. Zurück im Hotel wartet erneut der Mi­tarbeiter von Elizabeth Hawley auf uns. Bereitwillig und ausführlich berichten wir ihm von unserer Expedition. Kurz vor der Abreise kommt Niru zu uns ins Hotel. Wir besprechen im Hotel­garten die letzten offenen Fragen. P. D. ist mit unseren fehlenden zwei Tonnen noch unterwegs, hofft aber, noch vor unserer Abreise am Flughafen zu sein. Wir fahren mit Niru zum Flug­hafen und verabschieden uns. Als wir schon die erste Sicherheitskontrolle passiert haben, trifft P. D. ein. Leider können wir uns nicht mehr persönlich verabschieden, sondern nur noch durch die Glasscheibe hindurch winken. Auch die Tonnen bekommen wir aufgrund der Gewichtsbeschränkungen nicht weg. So bleibt ein Teil unserer Ausrüstung vorerst bei Niru in Kathmandu zurück. Wir verabschieden uns von Lars, der als einziger mit Qatar Airlines fliegt. Fünf der aufregendsten und unvergesslichsten Wochen meines Lebens sind in dem Augenblick, als unser Flugzeug in den nepalesischen Nachthimmel steigt, Geschichte.  

                                                                   

Abschied vom Basislager

am Dhampus-Pass

Blich ins Kali Gandhaki Tal

Ein letzter Blick zum Tukuche

Annapurna im Abendlicht

Jana und Ingo übernachten im Freien

Die ersten Bäume

Marpha ist erreicht

Große Feier mit Kuchen und Apfel-Likör

Zum Abschied ein Apfel

Abflug von Jomsom 

Pokhara mit dem heiligen Berg Machupuchare

Zwei Gepäckstücke bleiben in Nepal. Da müssen wir halt noch mal hin. 

 

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Letzte Änderung 09.02.2009
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