Unsere Berge

Peru 2007

Andenfieber – Bergsteigen in der unbekannten Mitte Perus

Rast beim Zustieg zum Basislager in der Cordillera Huaytapallana
In Sachen Höhenbergsteigen und Trekkingtouren ist Peru zweifellos eines der beliebtesten Ziele weltweit. Während es die steigeisenbewehrten Pickelschwinger bevorzugt zu den Sechstausendern der Cordillera Blanca im Norden des Landes zieht, ist für den klassischen Rucksacktouristen der Süden die erste Wahl, wo bekannte Ziele wie Cusco, der Titicacasee, der Colca-Canyon und natürlich die weltbekannten Ruinen von Machu Picchu auf Besucher warten. Als wir Anfang Mai ’07 Richtung Peru aufbrechen, hatten wir nichts von alledem geplant. Und dennoch, soviel sei schon verraten, sollte es eine unvergessliche Reise werden:
Für Akklimatisationstouren haben wir ein Tal auf der Westseite der Cordillera Central entdeckt, welches quasi vor den Toren der Hauptstadt Lima liegt. Gleich am ersten Tag fahren wir mit dem Taxi von Lima in das Bergdorf San Mateo (3150 m). Landesweit bekannt ist der Ort für sein Mineralwasser und für ein mehrtägiges Fest zu Ehren verschiedener Heiliger. Die Feierlichkeiten laufen bei unserer Ankunft auf Hochtouren. Wir sind hier die einzigen Ausländer und bekommen einen ersten Vorgeschmack auf die herzliche Gastfreundschaft der Peruaner. Blaskapellen, Prozessionen und ununterbrochenes Böllerschießen bestimmen das Geschehen. Am nächsten Morgen geht es weiter nach Millotingo (4130 m), einer winzigen Ansiedlung, bestehend aus einer verlassenen Mine und dem Hof eines Bauern. Dieser ist so freundlich, unser Gepäck mit dem Auto abzuholen, während wir aus Gründen der Akklimatisation zu Fuß gehen und dabei die herrliche Landschaft dieses Tales genießen.
Im Gelände der ehemaligen Mine schlagen wir unser Lager auf. Die Berge rundherum sind nicht vergletschert, aber dennoch über 5000 Meter hoch. Überall sieht man die Spuren intensiven Bergbaus. Drei Tage Höhenanpassung stehen bevor. Gleich am ersten Tag erkunden wir ein Tal voller Alpakaherden. Wir erklimmen einen namenlosen Aussichtsgipfel (4884 m) und steigen dabei höher hinauf als ursprünglich geplant. Von hier ist ein Teil des Aufstieges zum Suerococha (5315 m) einzusehen, welcher zwei Tage später das erste Highlight der Reise werden soll. Für diese lange Tour brechen wir um 4:00 Uhr auf. Das erste Wegstück ist uns bereits bekannt. Dann sind zwei Pässe jenseits der 5000-Meter-Marke mit steilem Schotter zu bezwingen. Von der zweiten Scharte schwingt der Westgrat abweisend hinauf zum anvisierten Gipfel. Auf 140 Höhenmetern ist nochmals Kraxelei auf einem teils luftigen, teils brüchigen Grat angesagt. Eine verwitterte Holzlatte markiert den höchsten Punkt. Möglicherweise sind wir die ersten Ausländer hier oben! Im Westen – hinter den letzten Ausläufern der Anden – lässt sich unter einer Dunstschicht die peruanische Hauptstadt erahnen.
Am nächsten Tag, schon auf dem Rückweg, werden wir spontan in ein Dorffest einbezogen. Nach einer kleinen Geldspende fordern die Bewohner uns auf, zwei bunt geschmückte Kreuze am Wegrand zu küssen. Anschließend spielt eine Blaskapelle, wozu das halbe Dorf mit uns tanzen will – und sich die andere Hälfte dabei köstlich amüsiert.
Unser nächstes Ziel ist Huancayo (3200 m) im fruchtbaren Mantaro-Valley, etwa 250 Kilometer östlich von Lima. Nach langem Stillstand verkehrt dorthin speziell für Touristen seit kurzem wieder einmal monatlich ein Zug. Bis zum Bau der Tibeteisenbahn war dies die höchstgelegene Bahnstrecke der Welt. Acht Stunden nach dem Start in Lima erreicht die Bahn ihren höchsten Punkt: Galera, 4781 Meter über dem Meer. Auf dem Weg dahin passiert der Zug unzählige Tunnel und Brücken. Mehrfach sind sogenannte „Zig-zags“ zu meistern. Dabei fährt der Zug in ein Sackgleis; nach Umstellen der Weiche geht es kurz darauf rückwärts auf dem nächsten Gleis weiter. So ändert sich ständig die Fahrtrichtung, während wir auf dem offenen Aussichtswagen stehen und die Reise durch fast alle Klimazonen der Anden erleben.
Nach zwölfstündiger Fahrt werden wir von Lucho Hurtado abgeholt. Er ist Chef der Reiseagentur www.incasdelperu.org und hat mit Akribie für uns Ausflüge und die gesamte Logistik organisiert. Ihm gehört auch das „Casa de la Abuela“ – eine gemütliche Herberge für Rucksacktouristen und zugleich unser „Basislager“ für die nächsten Wochen.
Bevor es wieder in die Berge geht, gönnen wir uns einen Tag Kultur. Edson, ein sympathischer Führer, zeigt uns die historischen Sehenswürdigkeiten des Mantarotals. Neben Kirchen aus der Zeit der spanischen Eroberung sind besonders die Ruinen der Huancas interessant – eines Volkes, welches vor den Inkas hier in der Region sein kulturelles und wirtschaftliches Zentrum hatte. Gut erhalten sind die Tempelanlagen von Wari Vilca sowie mächtige Kornspeicher auf einem Berg, von dem man die freie Aussicht über das fruchtbare Tal genießen kann.
Am Gipfelgrat des Jallacate Sur (5500 m)
Die Cordillera Huaytapallana, unser nächstes Ziel, ist eine flächenmäßig kleine Berggruppe etwa zwei Fahrstunden östlich von Huancayo. Mehr als ein halbes Dutzend Fünftausender laden hier zur Besteigung ein. Die Gipfel sind ungewöhnlich stark vergletschert – feuchtwarme Luft aus den nahen Urwäldern des Amazonastieflandes sorgt für stärkere Niederschläge als anderswo in den Anden. Wir schlagen die Zelte an einem kristallklaren Bergsee (4800 m) auf, umgeben von einem Kranz gewaltiger Eisriesen. Einer der höchsten davon steht gleich am nächsten Tag auf dem Programm. Wieder im Dunkeln brechen wir zum Jallacate Sur (5550 m) auf. Über steile Geröllfelder turnen wir zum Gletscherrand. Endlich ist es soweit: Mit einem trockenen Knirschen dringen die Spitzen unserer Steigeisen in den harten Firn ein. Während die ersten Sonnenstrahlen Wärme spenden, nähern wir uns über mehrere Steilstufen hinweg dem kühnen Gipfelaufbau. 5450 Meter über dem Meer: Wir richten ein Depot ein. Ich bleibe hier zurück. So kann ich beobachten, wie die anderen die steile und fragile Firnschneide hinaufbalancieren, die sich vor uns auftürmt. Wechten und schlechter Schnee erschweren das Vorwärtskommen auf dem messerscharfen Grat. Umkehren, wenn auch nur wenige Schritte vom Gipfel entfernt, ist hier die einzig verantwortbare Entscheidung.
Schon einen Tag später sind Uwe und ich motiviert für den nächsten Berg. Um auf den Nevado Cochas (5309 m) zu gelangen, gilt es, zunächst 250 Höhenmeter abzusteigen, ehe wir uns in einem großen Bogen, eine Lagune und einen abweisenden Felsrücken umgehend, dem Ziel nähern können. Nach steilerem Einstieg geht es gleichmäßig, zwei gutmütige Vorgipfel überschreitend, bis wenige Meter unter den Gipfel über Eis und Schnee hinauf. Über eine kurze, aber steile Firnflanke erreichen wir den abschließenden Grat, der elegant zum höchsten Punkt führt. Bergsteigerherz, was willst Du mehr! In völliger Einsamkeit genießen wir den Blick auf die strahlend weißen Berge um uns herum und auf die dazwischen eingebetteten türkisfarbenen Bergseen tief unten.
Auf dem Rückweg nach Huancayo besuchen wir am nächsten Tag eine Forellenzucht. Die Forellen wurden zu Beginn des letzten Jahrhunderts aus Nordamerika eingeführt und sind heute ein wichtiger Bestandteil der peruanischen Küche. Hier dürfen wir unser Mittagsmahl selbst mit dem Köcher fangen.
Unser nächstes Ziel ist die Laguna Carhuacocha (4400 m) im Zentrum der Cordillera Central. Für einige Tage werden wir Fredys Nachbarn. Fredy ist ein freundlicher Peruaner, der eine Fischreuse bewirtschaftet und mit seinem Hab und Gut allein in einem Bauzelt lebt. Die farbenfrohe Landschaft strahlt eine friedliche Harmonie aus. Enorm ist die Auswahl an interessanten Gipfelzielen. Schon von weitem sichtbar ist die markante Silhouette der Pariacacas (5750 m). Wir entscheiden uns für den nördlichen der beiden Doppelgipfel. Erstmals ist ein Hochlager (4650 m) erforderlich. Drei Stunden schleppen wir die umfangreiche Ausrüstung an den Bergfuß.
Der folgende Aufstieg zum Gipfel ist zeit- und kraftraubend. Bis zum Gletscherrand turnt man über steile Moränen und über vom Eis glatt geschliffenen Fels. Kurze Zeit ist etwas Erholung angesagt, als es recht flach und spaltenarm über Firn aufwärts geht. Die letzten 250 Höhenmeter werden wieder steil und mühsam. Der Untergrund trägt nicht – ständig sinken wir im breiigen Griesschnee ein. Bei schönem Wetter werden wir dafür am Gipfel mit einer prächtigen Aussicht belohnt. Lange können wir nicht bleiben – der Tag ist schon fortgeschritten und der zunehmend weicher werdende Schnee wird auch im Abstieg unsere ganze Konzentration beanspruchen. Über zwölf Stunden nach dem Aufbruch sind wir wieder im Hochlager. Zügig steigen wir weiter zum See ab, wo uns Fredy mit seinem Standardgericht „Forelle mit Reis“ verwöhnt.
Nach diesen Anstrengungen haben wir einen Ruhetag redlich verdient: Wäsche waschen, lesen und ein Sonnenbad am Seeufer ist heute angesagt.
Unser nächstes Ziel ist das Bergdorf Miraflores (3600 m) im Süden der Cordillera Central. Teilweise im Schritttempo quält sich der Jeep über abenteuerliche Pisten und einsame Bergpässe dorthin. Der Empfang ist herzlich. Einheimische bringen ihre Alpakadecken, damit wir in der schlichten Gästeunterkunft nicht frieren müssen. Eine Familie kümmert sich liebevoll um unsere Versorgung. Tags darauf brechen wir zur Laguna Huascacocha (4200 m) auf. Als Tragetiere sind vier Pferde dabei, die von ihrem Besitzer geführt werden. Zunächst geht es durch ein fruchtbares Tal voller Wasserfälle — einer der schönsten Orte dieser Reise. Da es mehrere gleichnamige Seen in der Umgebung gibt, wählen wir zunächst den falschen Abzweig. Als wir den Irrtum bemerken und korrigieren, liegen wir schon einen halben Tag hinter unserem Zeitplan zurück. Wir sind dennoch optimistisch.
Der Ticlla (5897 m), höchster Berg Mittelperus
Erst kurz vor Erreichen des Sees öffnet sich der Blick auf die eindrucksvolle Gletscherpyramide des Ticlla (5897 m). Wir stehen staunend vor dem höchsten Berg Mittelperus. Ein halber Tag bleibt uns noch, um ein Ausrüstungsdepot auf dem Weg zum Hochlager (4810 m) anzulegen. Dieses erreichen wir dann planmäßig am nächsten Tag. Der Blick auf die imposante Südwestwand des Ticlla lässt die schweren Rucksäcke beim Aufstieg fast vergessen. Bei Sternenhimmel brechen wir in der Nacht zum Gipfelsturm auf. Den leichtesten Zugang zum Berg gewährt der Westgrat, den man in einer breiten Scharte (5300 m) über einen Gletscher von Süden erreicht. Zunächst steigen wir zügig bergauf. In 5600 Metern Höhe geht der Grat in eine 55 Grad steile Gletscherflanke über. Wir sichern an Firnankern und kommen nur langsam voran. Am Ende des Steilhanges dann die nächste Überraschung: der Gipfelaufbau wird in voller Breite von einer gewaltigen Gletscherspalte durchzogen. Ganz links entdecken wir eine leidlich stabil aussehende Schneebrücke. Dort tasten wir uns zaghaft hinüber. Damit ist das letzte Hindernis überwunden. Es wird flacher und der höchste Punkt, eine seltsame Schneeverwerfung, taucht vor uns auf. Geschafft! Glücklich liegen wir uns in den Armen. Bei Windstille und wolkenlosem Himmel blicken wir auf eine raue und einsame Berglandschaft hinab. Später berichten Einheimische, dass seit vier Jahren kein Bergsteiger mehr auf dem Ticlla war.
Etappenweise, erst zu Fuß und anschließend mit dem Jeep, geht es an den folgenden Tagen zurück nach Huancayo. Wir fahren am Oberlauf des Rio Cañete entlang und sind begeistert: Der glasklare Fluss nimmt hier die ganze Breite des unberührten Tales ein und überwindet zahllose Kaskaden und Wasserfälle.
Ein letzter Tagesausflug bringt uns die typischen Kunsthandwerke rund um Huancayo näher und wir besuchen das Kloster von Ocopa mit seiner umfangreichen Bibliothek. Hier wurden früher die Franziskanermönche auf ihre Missionstätigkeit im Dschungel vorbereitet. Anschließend lädt uns Lucho zum Essen in sein Restaurant ein. Mit einem unvergesslichen Abend nehmen wir Abschied vom Andenhochland  und seinen freundlichen Bewohnern. Eines Tages, da sind wir uns einig, werden wir hierher zurückkehren.
 
Gipfelfoto auf dem Ticlla (5897 m)
Teilnehmer
Yvonne Exner (35)
Bert Gust (36)
Uwe Erkelenz (46)
Ingo Röger (35)
 
Uwe Erkelenz am Gipfelgrat des Nevado Cochas (5309 m)
Die Bilanz in Zahlen
* Suerococha (Cordillera Central, 5315 m, PD+, Fels I, eine Stelle II), vielleicht erste deutsche Besteigung durch Gust, Erkelenz, Röger
* Jallacate Sur (Cordillera Huaytapallana, 5500 m, AD+, 60°) bis wenige Meter unter dem Gipfel, Umkehr wegen Wächten
* Nevado Cochas (Cordillera Huaytapallana, 5309 m), Erkelenz, Röger
* Pariacaca Norte (Cordillera Central, 5734 m, PD, 50°)
* Ticlla (Cordillera Central,5897 m, PD/AD, 60°)
Letzte Änderung 17.02.2008
UweErkelenz@gmx.de